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Diese Webseite versammelt Geschichten und Romanauszüge von verschiedenen Autoren, und letztlich geht es in allen Texten um das Gleiche: Um das Trinken. Es ist ein weites Feld, das von den ersten Begegnungen mit dem Alkohol genauso erzählt wie vom totalen sozialen und gesundheitlichem Niedergang, vom berauschten Höhenflug und vom bösen Erwachen. Aber es geht nicht nur darum, aufzuzeigen, wie vielseitig Rausch und Kater einsetzbar sein können - es ist auch, und vor allem, ein literarisches Experiment. Wie oft und wie viel kann ein Autor seine Figuren trinken lassen, bevor Leser anfangen, daraus Rückschlüsse auf den Autor selbst zu ziehen?

Ein Thrillerautor, der uns Buch für Buch in das Innerste von Serientätern blicken lässt, wird so schnell nicht in den Verdacht geraten, selbst ein kleiner Mörder zu sein (nicht, dass es keine Fälle gegeben hätte, in denen genau das der Fall war!), und der Pornoautorin, die ihre Heldin Szene für Szene den unmöglichsten sexuellen Praktiken aussetzt, wird man wohl eher unterstellen, eine frustrierte Hausfrau zu sein. Doch wenn ein Autor immer und immer wieder Figuren, Hauptfiguren insbesondere, an die Flasche hängt, sieht das Ganze anders aus. Schon bangt man um Leben und Leber des Autoren, zu viele Beispiele gibt es doch von Schreibern, die im Vollrausch über der Schreibmaschine hängen und manisch mit zitternden Fingern ihre Szenen in das wehrlose Gerät hacken, und zu viele Beispiele gibt es von Autoren, die das auf lange Sicht nicht überlebt haben. Jack London, Charles Bukowski, Ernest Hemingway, die Liste lässt sich noch endlos fortsetzen…

Aber genauso, wie alkoholkranke Autoren in der Lage sind, Bücher über stocknüchterne Menschen zu schreiben, können nüchterne Autoren dem literarischen Suff fröhnen - und sei es als Stellvertreter. Wenedikt Jerofjew stellt dazu in »Die Reise nach Petuschki« eine interessante Theorie auf: Goethe habe nie auch nur einen Tropfen Alkohol angerührt (was sicher so nicht stimmt), weil er immer, wenn ihn der Drang überkommen hätte, statt dessen seine Figuren trinken geschickt hätte - der nüchterne Autor als größter Säufer der Welt, zu feige, um sich selbst der Sucht zu stellen, und der seine wehrlosen Figuren als allzeit bereite Opfer missbraucht. Psychologisch sicher nicht das Gesündeste, aber auf die lange Sicht sicherlich schonend für Körper und Gehirn.

Darf man dem Autor, dessen Helden saufen, deswegen Vorhaltungen über sein Trinkverhalten machen? Die Autoren dieser Seite finden: Nein. Dieses Blog versammelt Texte von Autorinnen von zu-jung-zum-Trinken bis in-den-besten-Jahren, die das Schreiben ernst nehmen, aber trotzdem literarisch gerne einen heben gehen. Sie haben unterschiedliche Erfahrungen sowohl in Sachen Schreiben als auch in Sachen Alkohol, und wegen des doch recht heiklen Themas schreiben einige unter Pseudonym, während andere schon nichts mehr zu verlieren haben und ihren richtigen Namen verwenden - schließlich ist es, das will diese Seite zeigen, nichts verwerfliches, was auf den Seiten eines Romans passiert, solange man es nicht auf sein Realleben abfärben lässt.

Und wie sich der Gamer an einem Ballerspiel den privaten Frust von der Seele schießen kann, ohne davon gleich zum Amokläufer zu mutieren, kann ein Autor den Spaß am Trinken, das Bedürftnis nach Rausch, aber auch den moralisch erhobenen Zeigefinger gegenüber jenen, die es zu wild treiben, ganz vortrefflich in die fiktive Welt auslagern. Solche Szenen machen Spaß zu schreiben, und sie können sogar Spaß machen zu lesen - und wer kann hinterher sagen, welcher Autor beim Schreiben ein gutes Glas Wein getrunken hat oder was auch immer, und welcher Autor im privaten Leben keinen Tropfen Alkohol anrühren würde? Es ist kein Aufruf zum Nachmachen, ebensowenig wie der Thriller und der Porno und das Ballerspiel. Aber es ist ein Plädoyer dafür, loszulassen - Hemmungen und Zwängen auf der einen Seite. Und Vorurteile auf der anderen.
Maja Ilisch
2012-10-25


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